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Erzählung über Entstehung des Wildwasser- und Auwald-Zyklus und
Plädoyer zur Erhaltung von Flusslandschaften

Am Anfang meiner großen Serie von Wildwasserbildern stand ein Abschied und ein mehrfach drohender Verlust.

Als ich 1986 nach Studium und mehrjährigem Aufenthalt in Wien daran ging, mit meinem Mann und meiner damals kleinen Tochter auf Dauer nach Osttirol zurückzusiedeln erfuhr ich, daß die Pustertaler Drau schon bald durch einen Stollen im Rauchkofel von Strassen nach Amlach abgeleitet würde, um dort ein Kraftwerk zu betreiben. Die Vorstellung, daß die prachtvolle Drau zu einem Restwasser mit Schwallbetrieb verkommen werde, bekümmerte viele. Dennoch blieb die Drau ohne Verteidigung, denn die Kräfte der heimatliebenden Naturschützer waren schon lange durch den Kampf gegen ein noch viel größeres Zerstörungswerk gebunden: Die E-Wirtschaft hatte sich Anfang der 70er Jahre vorgenommen, etwa zwanzig Bäche aus einem Dutzend Täler der Glockner-, Granatspitz-, Venediger- und Schobergruppe durch unterirdische Stollen in einen Speicher im Kalser Dorfertal zu leiten, darunter alle Gletscherbäche auf der Südseite der Hohen Tauern (mit Ausnahme der Gewässer im Innergschlöß), um damit devisenbringenden Exportstrom zu erzeugen. Bei Realisierung des Projektes wäre hoch über den Köpfen der Osttiroler der größte Stausee der Ostalpen entstanden. Darüberhinaus sollte die Isel zwischen Matrei und Lienz zum Betrieb zweier Laufkraftwerke einen guten Teil ihres Wassers verlieren.

Die ersten Pläne zu Kraftwerksbauten in den Tauern waren in den futiristisch-fortschrittseuphorischen 20er-Jahren entstanden. In der Hitler-Ära hatte man sie neuerlich aufgerollt und weiterentwickelt, um sich aus Osttirol den Strom fürs Deutsche Reich zu holen. In den 50er Jahren war der Speicher Dorfertal erstmals baureif, aber andere Vorhaben erschienen wichtiger. Und schließlich sahen Tiroler Politiker und Industrielle der 70er und 80er Jahre die Möglichkeit, Millionen Kubikmeter Wasser in einen Geld-Fluss zu verwandeln, als "das Geschäft des Jahrhunderts".

Es schien mir bezeichnend, daß die entscheidende Initiative zur Absage an Fortschrittswahn, Gigantomanie und moderne Profitgier von den Frauen vor Ort und einem Biologen ausging: Die Kalser Frauen hatten sich, sobald neuerarbeitete Pläne zum Bau eines riesig dimensionierten Kraftwerks vorlagen, spontan zu einer Gruppe formiert und gegen die Zumutung verwahrt, daß irgendwer kommen und ihnen die Sozialstruktur ihres Dorfes - für wieviel Geld auch immer! - ganz einfach "ablösen" könne: Für die Viehzucht treibenden Kalser Bauern waren die Sommerweiden im und die Heuernten aus dem Dorfertal unverzichtbar, und ein Unterwassersetzen des Tales hätte das Ende ihrer landwirtschaftlichen Existenz bedeutet. Den Bäuerinnen schlossen sich jene an, die ihr Einkommen aus dem Fremdenverkehr bezogen und es als Albtraum empfanden, mit ihren Quartieren ein Jahrzehnt lang an einer Großbaustelle zu stehen und fortan und für immer an der Basis einer Mauer, hinter der sich zweihundertfünfunddreißig(!) Millionen Tonnen Wasser aufstauen sollten. Sie fanden Unterstützung bei zahlreichen Einheimischen im übrigen Osttirol und bei Gästen, die Proteste gegen das Kraftwerk unterschrieben.

einen "Verein zum Schutz der Erholungslandschaft Osttirol" um sich versammelt. Er war der erste gewesen, von dem die verheerenden Konsequenzen erkannt wurden, die eine Entwässerung der Osttiroler Täler für den Naturhaushalt nach sich gezogen hätte. Jahre seines Lebens setzte er für die Aufklärungsarbeit zugunsten eines Nationalparks ein.

Die Repräsentanten der Ökologiebewegung, die das geplante Kraftwerksprojekt als einen Hohn für unsere höchst nationalparkwürdige Landschaft verwarfen, erschienen mir als eine geradezu symbolische Opposition zur Avantgarde von seinerzeit. Die hatte bekanntlich zur "Umwertung aller Werte" aufgerufen und zur Durchsetzung solch rücksichtsloser Bauvorhaben dogmatisch "die Verspottung der himmlischen Ruhe im Grünen und der unantastbaren Landschaft" gefordert. (F.T. Marinetti in "Die futuristische Sensibilität", 1913).

Ich sah in Gedanken die Osttiroler Täler ohne Bäche; sah das Geröll verödeter Gerinne; hörte die vorwurfsvolle Stille, die an die Stelle des Wasserrauschens träte; dachte an jene, die dieses ausgeweidete, verstümmelte Stück Land in Hinkunft bewohnen, besuchen, lieben und pflegen sollten und beschloß, den Osttiroler Bürgerinitiativen von künstlerischer Seite beizuspringen.

Meine Solidarität mit den Naturschutz-Aktivisten führte mich damals aber nicht in die Zirkel ihrer zahllosen Beratungen, sondern auf sehr einsame Wege. Ich wußte, daß ich mich beeilen mußte. Im Bewußtsein:"das alles seh' ich nun zum letzten Mal" ging ich daran, die vielfältige Schönheit des Wasserlaufs der Drau, deren Schicksal bereits besiegelt war, in Aquarellen festzuhalten. Ich wandte dafür jede freie Stunde auf, extreme Witterung nicht scheuend. Sogar bei Frost (wo dann der Rauhreif wie Samt den Schnee am Ufersaum bedeckte, das schmale, juwelenhafte Winterwasser weich umfassend) fand ich noch (frierend) Möglichkeiten, mich malend vor meinen Motiven einzufinden.

Ich bin in Leisach, einem kleinen Dorf am Ausgang des Osttiroler Pustertales aufgewachsen, und die Drau war der Fluß meiner Kindheit. Als ich ein Leisacher Schulkind war, wand sich der Flußlauf der Dran zwischen der Lienzer Klause und Thal durch ein steil abschüssiges Waldtal von wildester Romantik. Zwar führte links oberhalb des Flusses schon die Bahn entlang, aber das Landsträßchen knapp darunter war noch schmal, und ein Radweg, der heute das rechte Ufer belegt, war noch längst nicht erbaut. Die Uferregionen beidseits der Dran waren dicht mit wasserliebendem Gesträuch bestanden. Wer sich dort unter den Erlen zwischen den großen, von vorbeistürzendem Wasser oft glitschigen Felsbrocken entlangpirschte, konnte sich fühlen wie ein Forscher im Regenurwald. Als Kind ließ ich mich nicht selten auf dieses Abenteuer ein. Wo sich das Tal derart verengte, daß das Vorwärtskommen im abschüssigen Gelände neben dem Wasser zu mühsam und gefährlich wurde, bewunderte ich oft, auf mächtigen, rundgeschliffenen Steinen rastend, die einmal türkisfarbenen, anderntags vielleicht schon flaschen- oder milchig-kobaltgrünen, nach Wettern gelbbraunen Fluten, die über kleine Katarakte schäumten und stäubten. Dies hier war mein Niagara! Wie vielfältig die Drau war! Wenn sich die Kraft des Wassers im Sturz gebrochen hatte, glitt sie in zarten Wellen weiter, spielte mit den Zweigen von Weiden und Erlen, leckte da und dort unter Fichtenwurzeln am dunklen Waldboden, legte hier unter spiegelnden Wasserflächen gewellte Sandbänke nieder, schob dort, wo das Tal sich weitet, hellen Kies an und hinterließ auf ihm nach Unwettern bizarr geborstene Baumstämme. Man konnte im klaren Wasser große Fische beobachten und Bachstelzen auf ihrer feuchten Jagd; und wenn es wetterte, hörte man in der undurchsichtigen Flut das malmende Geschiebe. Die Schneeschmelze brachte Wasser in solcher Menge, daß die Talsohle an manchen Stellen die Breite des Flusses kaum faßte. Im Winter hingegen zog sich die Drau zusammen, und wenn man von der Landstraße hinunterblickte, glänzte sie als ein silbernes Band herauf. Schattseitig sah man sie dunkel unter rauhreiftragenden Sträuchern dahingleiten, oder ihre Wellen funkelten im Sonnenschein grünblau zwischen dicken Schneepolstern. Bei aller Vertrautheit gab sich der Fluß an jedem Tag, bei jedem Licht, bei jedem Wetter ein anderes Gesicht. Nie habe ich ihn besucht, ohne daß er mir etwas Besonderes zeigte. In sein mächtiges Rauschen gehüllt, konnte ich die Sorgen meiner kleinen Welt vergessen...

Man hatte die Drau mit der Begründung für ein Kraftwerk verbraucht, den Strombedarf im wasserreichen Osttirol aus eigenen Ressourcen zu decken. Dem Komfort des Bezirks, in dem es damals ohnehin bereits an die fünfzig Kleinkraftwerke gab, fiel die Drau zum Opfer. Um dies vor Augen zu führen und darzulegen, daß jeder weitere Eingriff ein unverantwortbarer, landschaftsästhetischer Raubbau sei, ergänzte ich die Serie meiner Drau-Landschaften durch Gewässerbilder aus der Tauernregion. Dem Malen gingen meist weite Wanderungen voraus, auf denen ich die Besonderheiten der Bachverläufe erkundete. Kein Bach gleicht dem anderen. Es galt, die Schönheit der höchst individuellen Bachgestalten ins Blickfeld zu rücken. Mir schwebte vor, die für die Ausleitung bestimmten Bäche an jeweils typischen Stellen ihres Verlaufs zu "portraitieren". Ich malte stets vor Ort, um die Natur mit allen Sinnen zu belauschen und das Erfaßte aus der Emotion des Augenblicks so überzeugend wie möglich zu gestalten.

Die so entstandenen Bilder wollte ich an Orten zeigen, wo sie von vielen Menschen gesehen würden, die für den Fortbestand meiner "Motive" Verantwortung tragen. Ich wünschte mir, den Betrachtern eine Empfindung dafür zu vermitteln, daß die Zerstörung dieser Schönheit ein Sakrileg ist. Ich sah in der Präsentation meiner Bilder nicht mehr und nicht weniger als meinen persönlichen Beitrag zu den vielen Aktionen, die zusammen zur Bildung der "öffentlichen Meinung" führen: Der eine schreibt Zeitungsartikel, der andere gestaltet eine Sendung, ein Buch, legt eine Forschungsarbeit vor, hält eine Rede oder predigt; wieder andere gehen mit Transparenten auf die Straße oder agitieren im Hintergrund. Ich male eben Bilder...

Nach etwa dreijähriger Arbeit hatte ich genügend geeignete Werke beisammen, um eine erste Serie als Ausstellung in Wien zu präsentieren. Die PSK Bank stellte mir dafür im Feber 1989 den großen Kassensaal am Georg Coch Platz zur Verfügung und gewann den damaligen Innenminister für die Eröffnungsrede vor Hunderten von Gästen. Aber zu meiner Enttäuschung vermied es der Politiker geflissentlich, (auch) auf die Problematik einzugehen, die mich zu dem sehr aufwendigen Zyklus veranlaßt hatte. Die Kulturseiten der Tageszeitungen widmeten der Präsentation zwar freundliche kleine Spalten; die Kunstpresse jedoch, mit ihren vielen Möglichkeiten der Reproduktion von Bildern in Zeitschriften etc., deren Unterstützung ich für die mir vorschwebende Öffentlichkeitsarbeit ganz dringend benötigt hätte, ignorierte die Schau vollkommen. Dafür bestanden die Werke einen anderen, für mich wichtigen Test: Sie sprachen Gleichgesinnte aus den verschiedensten Schichten der Bevölkerung an! Was ich in drei Jahren geschaffen und nur drei Wochen in einem Durchhaus ausgestellt hatte, war innerhalb von drei Monaten bis auf wenige Stücke verkauft. Damit waren allerdings meine mühsam geschaffenen, unwiederholbaren Bilder (mit Ausnahme einiger Blätter, die ich mir zurückbehalten hatte) auf Nimmerwiedersehen verschwunden. So sehr ich mich über den Beifall des Publikums und das Einkommen freute, das für den Neubau meines Ateliers sehr nützlich war, so sehr beneidete ich daher andererseits die früheren Kirchenmaler um die Wände, die ihren Werken Dauer verliehen: Mein Zyklus war zur Ware zerfallen, noch ehe er die ihm zugedachte Mission entsprechend erfüllen konnte!

Ich machte mich also neuerdings an die Arbeit und schuf übers Jahr eine zweite (allerdings viel kleinere) Serie von Wildwasserbildern, mit denen ich mich an die Bürger/Innen meiner Osttiroler Heimat wandte. Die Ausstellung fand im Museum der Stadt Lienz "Schloß Bruck" statt, und ein Vorkämpfer der Ökologiebewegung, der Wiener Biologe Univ. Prof. Dr. Bernd Lötsch, sprach bei der gutbesuchten Vernissage. Wiewohl sich die Wirkung einer Veranstaltung nie wirklich messen lä t, schien mir unsere Aktion innerhalb des Radius, den wir mit Hilfe des ORF Tirol und der lokalen Zeitungen erreichten, relativ gut geglückt. Und als die Osttiroler Bürgerinitiativen den Kampf um den Nationalpark gewonnen sahen, wandte ich mich erleichtert einem anderen künstlerischen Thema zu.

 

Über die Entstehung des 'Auwald-Zyklus' und den Wechsel vom Aquarell zur Radierung

Meine Studienzeit miteingerechnet, hatte ich insgesamt siebzehn Jahre im Wiener Raum gelebt, und so war auch der Osten Österreichs für mich zu einem Stück Heimat geworden, an die ich mich gerne erinnerte. Erst spät, zwei Jahre vor meiner Rückkehr nach Osttirol, hatte ich Einblick in ein geheimnisvolles Stück mitteleuropäischer Wildnis gewonnen, das ich nun wiedersehen und studieren wollte: Ich dachte an die von mächtigen Hochwassern dramatisch verformten Laubwaldbestände am großen Donau-Strom, die überstaut oder zum Herzstück eines Nationalparks würden; dachte an die Altarme der Donau mit ihren riesigen See- und Teichrosenfeldern; die vielen Arten funkelnder Libellen; die zahlreichen, seltenen Wasservögel; die angespülten Flußmuscheln, die ich in solcher Größe in unseren Breiten nie vermutet hätte; die sich sonnenden Schildkröten; die Bauten der Biber; dachte an die von Leben wimmelnden, schilfumkränzten Tümpel; die dschungelartigen Feuchtwälder, die sich sacht mit der Trockenau verweben, welche ihrerseits abrupt in Heißländen übergeht, die weithin von Kräutern duften...

Seit dem Tag, an dem ich sie zum ersten Mal gesehen hatte, schwebte über dieser großartigen Au-Landschaft das Damoklesschwert der Zerstörung. Im Frühjahr 1984, als plötzlich erkennbar wurde, daß man die Hainburger Auen zwecks Errichtung eines Großkraftwerkes schlägern wolle, hatte Bernd Lötsch eine Gruppe von Journalisten und mich zu einer Exkursion in die Auen eingeladen, um uns allen zu zeigen, was da verloren ginge. Wir waren mit Stiefeln und Schlauchboot ausgerückt, und wir erreichten dadurch ein Gelände, das ich im Alleingang nie gefunden hätte. Ich war mit der Natur gewiß schon damals um vieles besser vertraut als der Durchschnitt. Aber die Welt des Wasserwaldes unter wissenschaftlicher Führung kennenzulernen, eröffnete mir völlig neue Dimensionen. Ich verdanke und danke Bernd Lötsch zahlreiche Beobachtungen, die nur der Wissende macht.

Und so war es ganz selbstverständlich, daß ich mich einer Aktionsgemeinschaft "Künstler für den Auwald" anschloss. Wir sprachen bei Politikern vor, sandten Protestschreiben aus und veranstalteten eine Gruppen-Ausstellung in der Galerie Ambiente, deren Vernissage den Rahmen für Protestansprachen bot, und deren Erlös der Finanzierung der Kampagne dienen sollte. Um diese Ausstellung beschicken zu können, malte ich meine ersten sechs Auwald-Bilder.

Nach der erfolgreichen Au-Besetzung im Winter 1984 hatten sich die Naturschutz-Aktivisten bis auf einen kleinen harten Kern in alle Himmelsrichtungen zerstreut, ohne daß die Bedrohung durch das Kraftwerk tatsächlich beseitigt war. Der damalige Präsident der Gewerkschaft hatte die Auen öffentlich als "wertloses Gestrüpp" bezeichnet, und die Elektrizitätswirtschaft wollte das Areal noch immer zu einem Stausee machen. Ohne Bewußtseinsänderung bei vielen Menschen war eine Schonung der Auen nicht zu erwarten.

Die "Schonung" (ein Fachwort für "jungen, geschätzten Forstbezirk") führt uns zur Ästhetik zurück. Das Wort "schonen" ist mit "schönen" und "schön" etymologisch eng verwandt, und das gewiß nicht aus Zufall: Wer etwas schön gestaltet, läßt es wertvoll erscheinen, und wertvolle Dinge werden schonend behandelt.

Ich ging bei meiner Arbeit von dem Gedanken aus, daß der Mensch zu schonen und zu schützen bereit ist, was er liebt, und daß er liebt, was er schön findet und versteht. Künstler, so hoffte ich, könnten vielleicht das schlummernde Empfinden für landschaftliche Besonderheiten wecken und die Wissenschaftler der Ökologiebewegung das Verständnis für deren Wert vermitteln.

Zu sehen, wie oft sich die Wissenschaftler vergeblich an die Ratio der angeblich Klugen wandten, bewahrte mich vor der Lethargie, die viele Künstler befällt, wenn sie die Wirkungslosigkeit ihrer Arbeit erkennen.

Ermutigt hat mich meine Erfahrung mit den Werken bedeutender Künstler. Derlei erlebe ich immer wieder: Ich sehe spielende Kinder auf dem Eislaufplatz, und plötzlich erscheinen sie mir wie Bruegel-Figuren. Beim Anblick einer alten Frau entsinne ich mich des berührend würdevollen(!) Bildes von Dürers greiser Mutter. Abendsonne bescheint den Wienerwald, und vor meinen geistigen Augen stehen Waldmüller'sche Gestalten auf. Ich kann Venedig nicht bereisen, ohne es auch wie Canaletto zu sehen, und als ich das erste Mal die Camargue besuchte, ging neben mir Van Gogh auf Schritt und Tritt.

Offenbar ist es möglich, spontane Seherlebnisse durch optische Erinnerungen emotionell zu färben, Sichtweisen künstlerisch zu überprägen und damit auch Wertungen zu verändern.

Durch die jahrelangen Auseinandersetzungen zwischen den Vertretern der Ökologiebewegung und anderen Interessensgruppen ist mir zudem bewußt geworden, daß unser aller Leben durch "selektive Wahrnehmung" extrem beeinflußt wird. Niemand von uns vermag alle Aspekte seiner Umwelt mit gleicher Aufmerksamkeit zu beachten, jeder konzentriert sich zunächst instinktiv und notwendigerweise auf das, was für sein eigenes Dasein wichtig ist. Die Auen, die ich als einen Ort der Schönheit besuche, sieht der Biologe als (Über-)Lebensraum für soundsoviele Arten; der Fischer oder Jäger als ein Revier, wo er sein "Recht auf Beute" einlöst; der Fremdenverkehrsverein als Erholungsraum für Gäste; der Jurist oder Makler als Liegenschaft mit Lasten oder als Parzelle mit bestimmtem Geldwert; der Seelsorger als ein Stück göttlicher Schöpfung; der Waldeigentümer oder der Förster als Standort für soundsoviele Festmeter Holz; der Pharmazeut als Standort von Heilpflanzen; der Gewerkschafter als Arbeitsplatz; der Kraftwerks-Ingenieur als künftigen Stauraum; der Anrainer jedoch als angestammte "Heimat". Der Geologe studiert in den Auen die Schichtungen des Geschiebes, der Hydrologe das Grund- und Oberflächenwasser...

Zwei Sommer lang habe ich mitten in den Auen aquarelliert (bis mich jeweils die Mücken vertrieben). Aber das Aquarell, das ich bei der Arbeit an meinem "Wildwasser-Zyklus" als die mir adäquate Technik empfunden hatte, erwies sich vor den riesigen, in der Totale fast amorphen, aus der Nähe reich strukturierten "Blätterwänden" als weitgehend untaugliches Gestaltungsmittel. Oft zeigten sich plötzlich Tiere, die ich spontan erfassen wollte, aber auf dem befeuchteten Papier halbfertiger Blätter nicht festhalten konnte. Dann konzentrierte ich mich auf die Beobachtung, meist ohne nach dem Skizzenblock zu fassen, um das scheue Getier nicht durch Bewegung oder Rascheln zu vertreiben. Deshalb entstanden vor Ort, gemessen am Zeitaufwand, nur wenige gute Blätter.

Mir wurde klar, daß ich mich einer anderen Technik bedienen müßte, um dieses Sujet zu meistern. Das Fotografieren und Filmen schied für mich aus. Um heute ein Minimum an Interesse zu erwecken, bedarf die reine Naturaufnahme entweder eines wissenschaftlichen oder eines poetischen Kommentars oder der technisch-künstlerischen Verfremdung. Sie schien mir daher bei den Biologen, Theologen und Fotografen am besten aufgehoben. Letztere würden vielleicht noch Möglichkeiten der fototechnischen Manipulation entdecken, die ich nicht kenne. Was ich bisher an derlei Verfremdungen sah, war mir für das, was ich vermitteln wollte, zu unpersönlich und zu kalt. Wenn ich das Gesehene in mich aufnehme, vom Auge in den Kopf und vom Kopf in die Hand flie en lasse, dann wird es durch mein Fühlen verändert, reduziert, und nur das mir Wesentliche bleibt übrig. Indem ich dem Betrachter ein Bild anbiete, das nicht durch ein Objektiv, sondern durch mein Innerstes hindurchgegangen ist, ergibt sich für den, der sich dafür aufschließt, eine Mitteilung von Gemüt zu Gemüt.

Als dafür adäquates Mittel schien mir die edle alte Technik der Radierung angemessen. Sie würde es mir erlauben, großzügig zu komponieren, und dabei doch den Blick auf allerkleinste Dinge zu lenken: die Blätter der Weiden und ihre Wurzeln; den Glanz der entrindeten Bäume; die Ordnungen und Strukturen des Geschlebes; die Äderung der Libellenflügel, die Schuppen der Schlangen, die Federn der Vögel. Ich könnte die großen Partien geschlossener Baumbestände als reich strukturierte Flächen und zugleich als Abstraktionen ganz bestimmter Bäume zeigen.

Noch etwas ganz anderes sprach damals dafür, mir eine Kupferdruckwerkstatt einzurichten: Schon während der Entstehungszeit meiner "Wildwasserbilder" war ich niemals ausgefahren, ohne mir selbst zu sagen: "Das rechtfertigt sich nur, wenn dir etwas Gutes und Wichtiges gelingt!". In mir festigte sich die Überzeugung, daß der persönliche Preis, den ich für die Entstehung meiner Aquarelle bezahlte - das Fernbleiben von meiner Familie - um vieles zu hoch sei. Ich würde meine Auwald-Bilder nur dann mit Liebe gestalten können, wenn sich die Hauptarbeit in meinem Atelier besorgen ließe.

rittens versprach ich mir vom Umstieg auf eine druckgrafische Technik die Möglichkeit, meine "Sicht der Dinge" etwas weiter als bisher zu verbreiten. Der Kampf um die Donau-Auen schwelte nun schon mehrere Jahre, und es war unabsehbar, wieviele Anläufe noch nötig wären, um sie endlich in einen Nationalpark hineinzuretten. Ein einmal geschaffener Radierzyklus würde im Bedarfsfall gleich für mehrere künstlerische Aktionen zur Verfügung stehen. Durch entsprechende Auflagen hoffte ich bis zu einem gewissen Grad aus eigener Kraft zu kompensieren, was unsere Zeit den Künstlern meines Schlages an Wirkraum vorenthält.

Als die Serie so weit gediehen war, daß ich sie ausstellen wollte, wurde mir die Ausgrenzung, der Meinesgleichen unterworfen ist, so deutlich wie noch nie bewußt. Schon bei der Wiener Präsentation meiner "Wildwasser-Bilder" hatte mir der Kunstkritiker einer großen Tageszeitung empfohlen, meine Werke künftig in professionellen Galerien zu zeigen, wenn mir die Medien-Unterstützung wichtig sei: Ausstellungs-"Nischen", wie beispielsweise die Schalterhallen von Banken, würden von der Fachwelt als ein Areal für Amateure gemieden. Seinen Rat beherzigend, trug ich meinen Auwald-Zyklus daher gleich einer "guten" Wiener Galeristin an, die ich seit vielen Jahren kannte, und die ich für eine mir durchaus gewogene Dame hielt. Nie werde ich ihre Reaktion vergessen: Ihr Gesicht erstarrte für mehrere Sekunden, der Mund blieb ihr offen stehen, dann stie sie abwehrend hervor: "Nein das geht nicht! Da würde sich ja ganz Wien das Maul zerrei en!" Andere Galeristen sagten mir höflich-kühl das gleiche: Mein Oeuvre passe nicht in ihr Programm! Um meine Suche abzukürzen, bat ich den schon erwähnten Kunstexperten um einen Galerie-Tip. Worauf er mir sinngemäß entgegnete, er wisse in ganz Wien nicht eine(!) Galerie, die meine Auffassung vertrete. Wenn ich mir Kummer ersparen wolle, dann möge ich mich nicht darauf versteifen, den Auwald-Zyklus im Wiener Raum zu zeigen (für den er gedacht war), sondern ihn dort präsentieren, wo man ihn haben wolle.

Diesem Rat bin ich damals nolens volens gefolgt, schon um abseits der Agitation die künstlerische Wirkung meiner grafischen Werke zu prüfen.

 

'Flusslandschaften'

Der Abbildungsteil dieses Buches zeigt eine Auswahl von Radierungen und Aquarellen, die unter dem Titel "Flusslandschaften" die WWF-Kampagne "Lebende Flüsse" begleiten. Einige Werke entstammen den beiden Zyklen, über deren Entstehung ich eben berichtet habe. Andere malte ich absichtslos für mich selbst, wie beispielsweise die Bilder der Isel. Durch die Kampagne, die den naturnahen Flußlauf der Isel in das Naturschutzprogramm "Natura 2000" integrieren will, erhielten sie neuerdings eine bestimmte Aktualität. Wieder andere, wie beispielsweise die Bilder der Schwarzach oder des Debantbaches, entstanden vor dem Hintergrund weiterer Kraftwerksprojekte.

Bewußt habe ich auf den Bildseiten darauf verzichtet, die künstlerisch vorgestellten Auwaldstücke und Wasserläufe mit Titeln zu benennen, weil sie in den Zusammenhängen, um die es jetzt geht, in die Namenlosigkeit zurücksinken dürfen und sollen. Jede/r Betrachter/in wird Bäche, Flüsse und Auen kennen, die sich mit meinen Motiven auf die eine oder andere Weise vergleichen lassen. Ist nicht auch "Ihr" Gewässer von liebenswerter Besonderheit? Oder wohnen Sie an einem Ort, wo der einstmals romantische Bach oder der kraftvolle Fluß - begradigt, verrohrt, zubetoniert, ausgeleitet oder vergiftet - zur Häßlichkeit verkam?

 

Über (m)ein ökologisch begründetes Kulturverständnis, in das sich mein Kunstverständnis (natürlich) integriert.

Parallel zur Ästhetik der spiegelnden Wolkenkratzerwände und der schnurgeraden Straßen hat sich, besonders im Flachland, auch eine Ästhetik der begradigten, kanalisierten Bäche und Flüsse entwickelt, die wie Wasser-Schienen zwischen riesigen, streng-geometrischen Flächen von Monokulturen liegen. Vom Flugzeug aus gesehen, kann eine solche agrarische Industrielandschaft mit ihren rechteckigen und quadratischen Wirtschaftsflächen recht interessant gegliedert erscheinen und vielleicht sogar an eine der berühmten Kompositionen von Piet Mondrian erinnern. jene optische Harmonie, die wir als "Schönheit" bezeichnen, entsteht (wie schon Pythagoras wußte) aus einem gelungenen Verhältnis der Teile untereinander sowie aller Teile zum Ganzen. Der "Kulturlandschaft des 20. Jahrhunderts" ist eine gewisse Ästhetik daher nicht abzusprechen.

Eine ökologisch inspirierte Ästhetik empfindet demgegenüber nur solche Hervorbringungen als gelungen, die nicht durch Ma losigkeit in ein Mi verhältnis zum Natursystem geraten.

Für Leserinnen und Leser, die über dieses neue Schönheitsverständnis noch mehr erfahren wollen, sei erwähnt: Bei den 14. "Toblacher Gesprächen", veranstaltet im September 1998 vom Öko-Institut Bozen/Südtirol, wurden - erstmals in der Geschichte der Ökologiebewegung - gemeinschaftlich Thesen zum Thema "Schönheit - Zukunftsfähig leben" entwickelt. Es gibt dazu eine Tagungsbroschüre.

Auch die WWF-Kampagne "Lebende Flüsse" wurde nötig, weil der Mensch seine Ansprüche weit über die in der organischen Natur gesetzten Maßverhältnisse hinaustrieb. So hat sich der Schutzwasserbau in Österreich jahrzehntelang an dem Ziel orientiert, einerseits die Sicherheit für die Anrainer von Gewässern zu erhöhen, und den Wasserläufen andererseits die Fläche eines " 10. Bundeslandes" (!) abzuringen. Die einstigen Überschwemmungsgebiete wurden sodann für Landwirtschaft, Schotterentnahme, Siedlungs- und Stra enbau, Wasserkraftwerke, Freizeitareale und Abwasserbeseitigung verwendet, bis man aus den Folgen erkannte: Flüsse brauchen Platz, brauchen Freiraum für ihre natürliche Dynamik und Gestaltungskraft!

Die widernatürlichen Flussverbauungen im Gebirge führten zu verheerenden Überschwemmungen im Flachland. Weil die Flüsse kein Geschiebe mehr abtragen durften, kam es auf großen Stecken zu Eintiefungen der Flußsohle, und verbunden mit Uferverbauungen, die kein Wasser mehr diffundieren ließen, zu einer bedenklichen Absenkung des Grundwasserspiegels. Ein Zusammendrängen des Wassers auf eine möglichst enge, geradlinige Rinne erhöhte vielerorts dessen Strömungsgeschwindigkeit in einem Maße, das die daran nicht angepaßten Fische in einen Dauerstreß versetzte, als müßten sie tagaus tagein gegen Hochwasser schwimmen. Wo ihnen einst die Wurzel-Buchten von ufernahen Bäumen und Sträuchern Refugien zum Rasten boten, setzte der technoide Flußbau harte Steine vor, und auch die sehr speziellen Bedingungen für eine erfolgreiche Laichablage und das Aufkommen der empfindlichzarten jungfische gingen damit weitgehend verloren.

Am steinigen Grund der Bäche und Flüsse leben winzige Tiere, die sich von Bakterien ernähren und damit die sogenannte "Selbstreinigung" des Wassers bewirken. Ihrem Dasein verdanken wir die volkstümliche Erkenntnis: "Fließt das Wasser über neun Stein', wird's wieder rein." Wo man deren Lebensbedingungen durch Schwallbetrieb von Kraftwerken etc. zerstört hat, nahm die Qualität des Trinkwassers ab, und ebenso dort, wo man die Auen und Schwemmgebiete beseitigte, die seit Jahrtausenden das Grundwasser gefiltert haben. Da zahlreichen Tieren und Pflanzen mit Gewässern und Auen sowohl Lebensraum als auch Nahrung entzogen wurde, kam es zu einer drastischen Reduktion der Artenvielfalt. Schließlich fiel eine Monotonisierung der Landschaft ins Auge, wenn auch nicht jedem auf unangenehme Weise. Wer die baum- und strauchlosen, kanalartigen Rinnsale (m)einer "Mondrian-Landschaft" nicht vom Flugzeug aus, sondern von der Nähe betrachtet, der wird allerdings bemerken, daß sie oft stinken. Es fehlt ihnen die Beschattung durch Bäume und Sträucher, und damit auch eine reinigende, belebende Fauna, die nur im Schutz von Bäumen und Sträuchern gedeihen kann...

Aus Gesprächen mit Biologen, insbesondere mit dem Innsbrucker Limnologen Univ. Prof. Dr. Roland Pechlaner, dem ich an dieser Stelle danke, wurde mir immer deutlicher klar, warum die "idyllischen" Ufer- und die "wildromantischen" Bach- und Flusslandschaften, die ich aus reiner Freude am Schönen so gern zum Vorwurf meiner Bilder nahm, auch aus ökologischer Sicht höchst schützenswert sind. Die tausendfachen Vernetzungen des Lebens so zu erklären, daß eine breite Öffentlichkeit die Wichtigkeit geplanter Schutz- und Rückbauma nahmen aus dem Detail versteht und fördert, erweist sich indessen als ungemein schwierig: Wissenschaftliche Vorträge werden nur von Interessierten besucht, aber das Interesse am Thema ist erst noch zu wecken.

Kunst kann symbolhaft komprimieren, was ein künstlerischer Mensch fühlte und sah. Aber sie wendet sich an das Auge. Sie berichtet nichts. Deshalb habe ich mich zur sprachlichen Ergänzung entschlossen.

 

Hannelore Nenning

Nußdorf/Osttirol, im Oktober 1999

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